Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel. Wir alle kennen den Spruch – doch was bedeutet er eigentlich genau? Wurzeln sind noch verständlich. Bis Kinder Flügel brauchen, dauert es aber doch. Oder nicht?
Das neue Buch des Kinderarztes Herbert Renz-Polster jedenfalls heißt „Auf die Flügel kommt es an“. Ich glaube auch, dass es genau das ist, was Kinder – aber vor allem wir Eltern – gerade brauchen: Nicht noch mehr Kontrolle, Erziehung, Angebote, Förderung, sondern Flügel und Loslassen. Nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für uns: das Loslassen von Ansprüchen, Perfektion, dem Idealbild guter Eltern bzw. Mütter, gehört dazu.
Wann beginnt das Loslassen?
Ich glaube, dass es schon beginnen darf, bevor man überhaupt Eltern wird: Das Gehenlassen von fixen Vorstellungen und dem Druck, Dinge auf eine ganz bestimmte Weise machen zu müssen. Sobald das Baby da ist, beginnt dieses Loslassen nämlich sowieso. Ob es die Idee ist, ausschließlich zu stillen, mit Stoffwindeln zu wickeln, vor dem 2. Geburtstag keinen Zucker oder Medien anzubieten, niemals laut zu werden – die Liste lässt sich endlos fortführen.
Auch das Kind selbst loszulassen, startet jetzt: Das Baby für einen Spaziergang einer anderen Bezugsperson überlassen, um kurz in Ruhe duschen zu können. Das Kleinkind in der Eingewöhnung die ersten Stunden allein in der Betreuung lassen – das Band zwischen Eltern und Kind wird immer länger, je älter es wird. Natürlich ist es auch wichtig, dem Kind Halt zu geben und da zu sein, doch mit zugewandter und liebevoller Elternschaft gelingt das meist fast automatisch und es findet sich eine Balance zwischen Haltgeben und Freiraum.

Wie lerne ich loszulassen?
Loslassen ist auch eine Entscheidung, ein Prozess, der weh tun und Angst machen kann. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass es gut ist, wenn das Kind mehrere Bezugspersonen hat. Auch, wenn diese vielleicht unterschiedliche Ansichten haben, denn genau das gibt dem Kind neue Fähigkeiten an die Hand und zeigt ihm, dass es okay ist, dass Menschen unterschiedlich sind.
Nicht nur das Kind in Betreuung zu geben bedeutet Freiraum für sich und das Kind. Sondern auch das Loslassen von eigenen Überzeugungen, Ängsten und Ideen gibt allen die Möglichkeit, aneinander zu wachsen und sich frei zu entwickeln, ohne Druck.
Das ist wohl die schwierigste Aufgabe des Elternseins: Sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, sich selbst zu hinterfragen und sich den eigenen Ängsten zu stellen. Oft kann es helfen, sich noch einmal mit den eigenen Eltern auszutauschen, wenn das möglich ist oder mit nahen Menschen, die selbst Eltern sind und Ängste und Sorgen teilen. Die Erfahrung, dass man mit allen Befürchtungen nicht alleine ist, lässt sie geringer werden.
Wie gelingt das Loslassen am besten?
Loslassen bedeutet vor allem: Ganz viel Vertrauen. Vertrauen in die Wurzeln, die man dem Kind mitgegeben hat, aber auch in die Fähigkeiten des Kindes selbst. Das beginnt bei den ersten Versuchen des Babys zu greifen, zu krabbeln, sich zu drehen, erste Wörter zu sprechen und hört vermutlich nie auf. Man darf das Kind in jedem Alter eigene Erfahrungen machen lassen, seien sie noch so holprig mit anzusehen. Nur so kann es wachsen.
Positiver Nebeneffekt: Je mehr Freiraum für das Kind, desto mehr Freiheit auch für die Eltern. Spielt das Kind gern allein, darf man es auch lassen. Möchte es Dinge unbedingt allein probieren? Dann los. Denn Kontrolle und ständige Bereitschaft können auch Misstrauen schaffen, bei den Kindern Ängste auslösen und dazu führen, dass sie sich selbst nicht mehr vertrauen. Sicher gebundene Kinder finden gern heraus, was sie alles können!

Loslassen für Fortgeschrittene
Man könnte jetzt vermuten, je älter und selbstständiger das Kind wird, desto einfacher wird es auch mit dem Loslassen. Doch oft sehen sich Eltern von Teenagern einer (zumindest gefühlt) viel größeren Aufgabe gegenüber: Das Kind möchte allein zum Arztbesuch, ist am Nachmittag mit Freunden unterwegs, hat den ersten Nebenjob oder ist in einer Beziehung …
Hier fängt das Loslassen erst richtig an – gut, wenn man vorher schon geübt hat!
Nicole Kaiser
Buchtipp
Herbert Renz-Polster
Auf die Flügel kommt es an. Wie Eltern Orientierung geben und Kinder selbstständig werden.
Beltz Verlagsgruppe, ISBN 978-3-407-86921-0
Beitragsbilder: Kostia – adobe.stock.com; CDSTOCK – adobe.stock.com; Ramona Heim – adobe.stock.com
