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… zwischen Gänsehaut und Mut

Christian Krauß, Diplom-Psychologe, Leiter Caritas-Erziehungsberatung / Foto: Caritas Nürnberg

Im Interview spricht Christian Krauß, Diplom-Psychologe und Leiter der Caritas-Erziehungsberatung in Nürnberg, über Neugier, Angst und wie Kinder lernen, mit dem Unheimlichen umzugehen.

Kinder lieben es, sich zu gruseln: Geschichten über Geister, Mutproben, Halloween-Filme oder das Schleichen durch den dunklen Garten. Hinter dem Grusel steckt aber mehr als nur Spaß. Wir trafen den Experten, um die drängendsten Fragen rund um die Faszination Grusel zu klären.

 

Warum Kinder das Unheimliche fasziniert

 

frankenkids: Viele Kinder lieben es, sich zu erschrecken oder sich zu verkleiden. Warum fasziniert Kinder das Unheimliche?

Christian Krauß: Menschen sind von Natur aus neugierig. Alles, was Spannung erzeugt, zieht uns zunächst an bis zu dem Punkt, an dem es bedrohlich wird. Kinder erleben diese Spannung besonders intensiv. Gerade im Herbst kommen Themen wie Dunkelheit, Tod oder Geisterglaube dazu. Sie sind kulturell verankert und stammen aus der Welt der Erwachsenen, ohne dass Kinder sie schon ganz verstehen. Diese Mischung aus Spannung und Ungewissheit macht das Unheimliche besonders reizvoll.

frankenkids: Warum suchen Kinder bewusst kontrollierbare Angstsituationen wie z. B. das Versteckspiel?

Christian Krauß: Kinder stellen sich einer Angst, ohne wirklich in Gefahr zu sein. So lernen sie, mit Unsicherheit umzugehen. Ein Beispiel dafür ist das „allein durch den dunklen Garten schleichen“. Die Situation ist herausfordernd, bleibt aber kontrollierbar. Diese kleinen Mutproben sind eine Art Training für das Leben. Kinder beginnen früh Angst bewusst zu testen, sich mit dem Unheimlichen auseinanderzusetzen und dabei zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Das versteht man unter „Gruselkompetenz“.

 

Vom Monster unter dem Bett zum Thrill der Jugend

 

frankenkids: Wie verändert sich der Umgang mit Angst im Laufe der Kindheit?

Christian Krauß: Bei kleinen Kindern sind Fantasie und Realität oft noch eng miteinander vermischt, sodass sie stark auf Masken und Geräusche reagieren können. Ein bekanntes Beispiel ist auch die Angst vor dem Monster unter dem Bett. Im Grundschulalter erkennen zwar viele bereits, dass etwa Filmmonster nur gespielt sind, gleichzeitig kommen aber Leistungsdruck und Angst vor Ausgrenzung hinzu. Später verändern sich die Formen des Unheimlichen: Aberglaube, Mythen oder mediale Horrorszenarien treten in den Vordergrund und Jugendliche suchen oft bewusst den Thrill. D. h. sie stürzen sich Hals über Kopf in „Abenteuer“, deren Ausgang zufällig verläuft. Da spielt das Bewusstsein für die Gefahr keine Rolle mehr, sondern nur die Suche nach Hochspannung.

frankenkids: Wie können Eltern ihre Kinder beim Umgang mit gruseligen Medieninhalten sinnvoll begleiten?

Christian Krauß: Kleine Kinder spüren meist genau, wann etwas Spaß macht und wann es sie ängstigt. Schon eine bestimmte Figur kann abgelehnt werden. Deshalb ist ein begleiteter Zugang wichtig. Eltern sollten nicht alles ungefiltert verfügbar machen, sondern mit ihren Kindern schauen, besprechen und einordnen. Besonders bei Gruselfilmen hilft es, das Gesehene danach zu entschärfen. Gemeinsames Schauen und Nachbesprechen kann die Spannung wieder lösen.

 

Sicherheit geben: Warum Nähe so wichtig ist

 

frankenkids: Wie können Kinder lernen, mit Angst umzugehen?

Christian Krauß: Durch Fantasie, Gespräch und Humor. Kinder brauchen Möglichkeiten, Angst zu verstehen und wieder loszulassen. Im Alltag helfen einfache Rituale: Sorgen aussprechen, Entspannungsübungen, beruhigende Bilder oder ein Lieblings-Schutztier. Wichtig ist vor allem das Gefühl, nicht allein zu sein. Wer weiß, dass jemand da ist, der schützt und Halt gibt, kann leichter mit Angst umgehen.

frankenkids: Wie sollten Eltern reagieren, wenn Kinder Angst haben?

Christian Krauß: Oft sagen Erwachsene: „Davor brauchst du doch keine Angst zu haben“ oder „Alle anderen schaffen das doch auch“. Das ist gut gemeint, aber wenig hilfreich. Angst ist ein individuelles Gefühl. Besser ist es, Kinder ernst zu nehmen, gemeinsam über ihre Angst zu sprechen und den Kindern Zeit zu geben, sich zu stabilisieren. Denn Angst ist kein Mangel, sondern ein Schutzmechanismus.

frankenkids: Welchen Rat geben Sie Eltern im Umgang mit kindlicher Angst mit?

Christian Krauß: Angst wohnt direkt neben der Neugier und beides gehört zum Leben. Wer lernt, seiner Angst zu begegnen und sie durch aktives Tun zu überwinden, gewinnt Vertrauen ins eigene Können. Eltern können ihre Kinder dabei begleiten, indem sie Neugier, Mut und Angst ernst nehmen.

Das Interview führte Verena Apreck, frankenkids.

Caritas-Erziehungsberatung
www.eb.caritas-nuernberg.de


Beitragsbild: stock.adobe.com

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