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Ist das nur Pubertät?

Psychische Erkrankungen bei Teenagern nehmen zu. Eltern sollten die Anzeichen kennen.

Teenager verhalten sich seltsam. Sie ziehen sich zurück oder suchen Streit, essen den Kühlschrank leer  oder halten dauernd Diät. Soweit die Legende. Doch wenn Eltern jedes Verhalten gleich in die „Pubertätsschublade“ einordnen, übersehen sie möglicherweise wichtige Signale.

Jeder 10. Jugendliche leidet an einer psychischen Störung, so das Robert-Koch-Institut. Eine Zahl, die aus der Zeit vor der Pandemie stammt. Doch diese ist auch für Teenager extrem belastend. Sie vermissen echte menschliche Kontakte und machen sich große Sorgen um ihre schulische und berufliche Zukunft, wie eine Befragung von SOS Kinderdorf ergab. Tatsächlich ist ihre Situation kompliziert: Eigentlich sollten sie sich in dieser Entwicklungsphase von den Eltern abnabeln und verstärkt den Gleichaltrigen zuwenden. Stattdessen müssen sie Kontakte vermeiden und alles, was Jugendliche gerne zusammen machen, ist sowieso verboten. Zum Beispiel auch der Sport in Vereinen oder Fitness- und Tanzstudios, obwohl es eine gute Möglichkeit wäre, den Corona-Stress abzubauen. Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen warnen seit Monaten vor einer Zunahme psychischer Erkrankungen durch die Pandemie quer durch alle Altersgruppen.

Depression: Mehr als nur Rückzug

Eltern sollten hellhörig werden, wenn ihr Kind sich über mehr als zwei Wochen von Familie und Freunden zurückzieht. Machen Freizeitaktivitäten keine Freude mehr und entwickelt sich eine generelle Lustlosigkeit, kann eine depressive Erkrankung vorliegen. Stimmungsschwankungen im Lauf des Tages mit einem gefühlten „Tief“ am Morgen sowie Schlafstörungen und Appetitlosigkeit sind typische Symptome einer Depression. Jetzt ist wichtig, dass Eltern schnell reagieren. Erste Anlaufstelle ist der Kinder- und Jugendarzt. Wird eine Behandlung notwendig, findet diese bei Psychiater*innen oder Psychotherapeut*innen statt, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind. Fast immer genügt eine ambulante Behandlung. Wichtig: Spricht ein Teenager von Selbstmord, muss das ernstgenommen werden! Hilfe finden Eltern dann bei den Notfallambulanzen der psychiatrischen Kliniken oder beim Krisendienst Mittelfranken (0911 / 4248550 täglich 9-24 Uhr).

Essstörungen: Zu wenig, zu viel

Bei Magersucht (Anorexie) ist das Körperselbstbild gestört. Die Betroffenen empfinden sich als zu dick, selbst wenn sie schon abgemagert sind. Sie kontrollieren und beschränken ihr Essen sehr stark. Außerdem treiben sie oft exzessiv Sport, besonders betroffene Jungen. Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) kommt es zu unkontrollierbaren, heimlichen „Fressattacken“. Mit anschließendem Erbrechen oder Abführmitteln wird die übermäßige Kalorienzufuhr ausgeglichen. Nach außen zeigen Betroffene normales Essverhalten. Ohne den Ausgleich durch Erbrechen nennt man die Erkrankung Ess-Sucht (Binge-Eating). Das ist die häufigste Essstörung, mit einem besonders hohen Anteil Jungen.

Essstörungen sind immer eine Reaktion auf psychische Belastungen. Wird wie im vergangenen Jahr viel Zeit zuhause verbracht, ist der Kühlschrank immer in Reichweite – dafür fehlen Kontakte und eine stabilisierende Tagestruktur. Die intensive Beschäftigung mit Essen oder übermäßigem Sport kann ablenken und unangenehme Gefühle betäuben. Ein gestörtes Essverhalten ist gleichzeitig Hilferuf und ein Versuch, die eigenen Probleme zu lösen: Jetzt gerade konkret, sich in einer Zeit großer Verunsicherung selbstbestimmt, unabhängig und erfolgreich zu fühlen. Die Essstörung vermittelt das Gefühl, wenigstens über den eigenen Körper die Kontrolle zu haben. Beobachten Eltern starke Gewichtsveränderungen und beschäftigt sich ihr Kind viel mit Ernährung und dem eigenen Körper, ist ärztlicher Rat bzw. therapeutische Hilfe sinnvoll.

Tipp: In der Pandemie haben Beratungsstellen, Therapeuten und Kliniken neue Online-Angebote entwickelt. Auf diesem Weg fühlt es sich oft leichter an, Hilfe zu suchen bzw. anzunehmen. Besonders erfolgreich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Unterstützung durch geschulte Gleichaltrige (siehe u25-Link).

 

Links für Jugendliche
u25-deutschland.de/weitere-hilfsangebote/

Links für Eltern
eltern.bke-beratung.de
nummergegenkummer.de/elterntelefon

Bildnachweis: istock – Bulat Silvia

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