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Noch dreimal schaukeln

Kinder bedürfnisorientiert erziehen

Social Media ist gefühlt voll davon: Bedürfnisorientierung (BO), ein Erziehungs- bzw. Begleitungsstil, den viele Eltern als erstrebenswert ansehen. Dabei stehen die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Mittelpunkt. Die Bedürfnisorientierung geht davon aus, dass einem (herausfordernden) Verhalten immer ein (unbefriedigtes) Bedürfnis zu Grunde liegt.

Welches Bedürfnis steckt dahinter?

Diese Frage kann man bei Kleinkindern und auch bei uns Erwachsenen gut anwenden: Hat das Kind zu wenig geschlafen? Brauche ich eine Pause? Haben wir heute gut gegessen, uns schon bewegt oder waren wir draußen? Natürlich lässt sich nicht jede Situation damit lösen. Doch sind erstmal die Grundbedürfnisse befriedigt, sind wir alle eher zu Kooperation bereit, auch gefühlsstarke Kleinkinder. Es gibt noch andere Bedürfnisse, die Verhalten beeinflussen: zum Beispiel das Bedürfnis nach Nähe, nach Ansprache, Austausch, Zerstreuung.

Wunsch oder Bedürfnis?

Man könnte schnell den Eindruck bekommen, bedürfnisorientiert meint, alles zuzulassen und dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen. Doch das hilft auf Dauer nicht weiter. In herausfordernden Situationen ist es daher wichtig, zu hinterfragen: Erfülle ich gerade einen Wunsch (noch mehr Süßigkeiten) oder kann ich ein Bedürfnis (Hunger, Zerstreuung, Langeweile) auf eine andere Art befriedigen? Um Bedürfnisse sollte man sich zeitnah kümmern, gerade Babys und Kleinkindern gibt das Sicherheit.

Wie geht Bedürfnisorientiertheit?

Wenn man selbst mit Drohungen, wenig Zuwendung und eher autoritär aufgewachsen ist, scheint es erstmal unmöglich, alte Sätze wie „Ich zähle bis 3 und dann…“ oder „Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich ohne dich!“ hinter sich zu lassen. Doch es lohnt sich.

Ein Leitsatz zur bedürfnisorientierten Begleitung von Kindern könnte etwa sein: Beziehung vor Erziehung. Ich gehe also mit meinem Kind in Kontakt und schaue, was es braucht. Ziel ist nicht, das Verhalten des Kindes so zu verändern, dass es für die Erwachsenen weniger anstrengend ist, oder dass das Kind einfach mal hört. Ziel ist vielmehr, ein gutes Miteinander, eine gesunde Verbindung und Kommunikation auf Augenhöhe in die Familie zu bringen.

Das kostet manchmal Nerven, hat aber auch Vorteile. Studien zufolge sind Kinder, die bedürfnisorientiert begleitet werden, psychisch gesünder und Familienmitglieder haben eine bessere Bindung untereinander.

Und wie soll das bei einem Kleinkind gehen?

Kleinkinder profitieren von einer klaren Haltung der Bezugspersonen. Gerade im Alter zwischen 2 und 4 häufen sich Wutausbrüche. Das kann mitunter laut oder sogar schmerzhaft werden. Hier darf und muss man Grenzen setzen und eine klare Haltung haben: „Ich möchte nicht gehauen werden!“ „Wir schreien uns nicht an!“

Möchte das Kind zum Beispiel nicht vom Spielplatz los, man selbst ist aber schon furchtbar müde und muss noch kochen, könnte man mit dem Kind in Verbindung gehen, indem man sich dazu setzt. „Du möchtest gerne noch bleiben, stimmts?“ „Spielen mit deinen Freunden hat dir heute besonders Spaß gemacht, oder?“ So fühlt sich das Kind gesehen und ernst genommen. Hier darf man auch seine eigenen Bedürfnisse miteinfließen lassen. „Ich weiß, das war wirklich toll. Wir gehen jetzt nach Hause, ich bin müde.“

Natürlich kooperiert das Kind nicht immer und sofort. Hier muss man dann einen Kompromiss finden. Noch 3x schaukeln? Einen Sandkuchen backen? Das Klettergerüst rauf und wieder runter? Oder vielleicht hilft auch ein Wettrennen nach Hause.

Eltern sind auch nur Menschen

Wir können nicht jede Situation perfekt, entspannt und zur Zufriedenheit aller lösen. Als Eltern darf man ruhig auf die eigenen Bedürfnisse achten: Kurze Pause, etwas Essen oder Austausch mit einem lieben Menschen tut Wunder. Und ist man doch mal laut geworden, war unfair oder hat fiese Dinge gesagt? Dann kann man mit dem Kind ins Gespräch gehen, sich ehrlich gemeint entschuldigen und die Verantwortung übernehmen. Das nächste Mal darf vielleicht doch kurz der Fernseher laufen, damit man 20 Minuten durchatmen kann. Schließlich meint Bedürfnisorientierung die Bedürfnisse aller Familienmitglieder.

Nicole Kaiser


Foto: Wesley/peopleimages.com – adobe.stock.com

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